Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Entgegen dem Mythos „ein müder Hund ist ein guter Hund“ reicht reine körperliche Erschöpfung bei weitem nicht aus, um ein Tier wirklich auszulasten.

  • Wahre Ausgeglichenheit entsteht durch den Synergie-Effekt, bei dem Bewegung das Gehirn für mentales Training erst optimal vorbereitet.
  • Einseitige Stimulation – ob nur körperlich oder nur geistig – führt oft zu Unterforderung und kann Verhaltensprobleme sogar fördern.

Empfehlung: Betrachten und fördern Sie Ihr Tier wie einen ganzheitlichen Athleten, dessen körperliche und geistige Fitness untrennbar miteinander verbunden sind, um sein volles Potenzial zu entfalten.

Viele Tierhalter stecken in einem Dilemma: Nach einem langen Spaziergang ist der Hund zwar körperlich müde, wirkt aber innerlich unruhig und dreht zu Hause erst richtig auf. Andere wiederum investieren in zahlreiche Intelligenzspielzeuge, doch das Tier bleibt frustriert und neigt zu unerwünschtem Verhalten. Oft wird versucht, körperliche und geistige Auslastung als zwei getrennte Aufgaben zu behandeln, die man nacheinander abhakt. Man geht erst eine große Runde und legt später ein Denkspiel vor. Doch was, wenn dieser getrennte Ansatz genau das Problem ist?

Die gängige Meinung suggeriert, dass mehr Bewegung oder komplexere Rätsel die Lösung seien. Aber die wahre Antwort liegt nicht in der Steigerung der jeweiligen Dosis, sondern in ihrer intelligenten Verknüpfung. Die moderne Tierverhaltensforschung, inspiriert von Konzepten aus dem menschlichen Spitzensport, zeigt einen neuen Weg auf. Was, wenn die eigentliche Kunst darin besteht, Körper und Geist nicht als separate Einheiten zu sehen, sondern als ein System, das in Synergie arbeitet? Ein System, in dem körperliche Aktivität die geistige Aufnahmebereitschaft erst schafft und gezielte mentale Arbeit die körperliche Energie kanalisiert.

Dieser Artikel bricht mit der traditionellen Sichtweise der getrennten Auslastung. Wir werden Ihr Tier als einen ganzheitlichen Athleten betrachten, für den Balance, Fokus und gezielte Trainingsreize der Schlüssel zu wahrem Wohlbefinden sind. Sie werden entdecken, wie Sie durch die bewusste Kombination von Bewegung und Denkarbeit nicht nur Verhaltensprobleme lösen, sondern die Leistungsfähigkeit, das Selbstvertrauen und die Lebensfreude Ihres Tieres auf ein völlig neues Level heben können. Es geht nicht darum, *mehr* zu tun, sondern es *besser* und vor allem *verbunden* zu tun.

Um diesen ganzheitlichen Ansatz zu verstehen, werden wir die einzelnen Bausteine Schritt für Schritt beleuchten. Von der neurobiologischen Grundlage über praktische Übungen für den Alltag bis hin zur perfekten Balance zwischen An- und Entspannung – dieser Leitfaden gibt Ihnen eine klare Struktur an die Hand.

Erst rennen, dann denken: Wie Bewegung das Gehirn Ihres Tieres für das Lernen öffnet

Das Konzept des „Warm-ups“ ist im menschlichen Sport selbstverständlich. Kein Athlet würde versuchen, eine komplexe Technik ohne vorherige körperliche Aktivierung zu erlernen. Genau dieses Prinzip gilt auch für unsere Tiere. Moderate körperliche Bewegung ist nicht nur dazu da, Energie abzubauen, sondern sie ist die biochemische Vorbereitung für effektives Lernen. Wenn Ihr Tier rennt, spielt oder schwimmt, wird die Durchblutung im Gehirn angeregt und die Ausschüttung des Proteins BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) stimuliert. Dieses Protein ist entscheidend für das Wachstum neuer Nervenzellen und die Bildung von Synapsen – ein Prozess, der als Neuroplastizität bekannt ist.

Ein Gehirn, das durch Bewegung mit BDNF „geflutet“ wurde, ist deutlich aufnahmebereiter und flexibler. Eine kurze, aber intensive Trainingseinheit direkt nach einer Spielphase ist daher ungleich effektiver als dieselbe Übung „aus dem Kaltstart“. Das Tier ist nicht nur fokussierter, sondern die neu erlernten Informationen werden auch besser und nachhaltiger im Gedächtnis verankert. Dies erklärt, warum die Hündin Pixie, wie eine Fallstudie zeigt, nach einer Phase körperlicher Aktivität viel besser auf ihre Besitzerin hört und neue Kommandos schneller begreift. Die Kombination stärkt nicht nur die Lernfähigkeit, sondern auch das Selbstvertrauen und die Bindung, da das Training auf einem optimal vorbereiteten mentalen Fundament aufbaut.

Der Schlüssel liegt darin, die körperliche Aktivität nicht als Erschöpfungsmaßnahme zu sehen, sondern als gezielte Aktivierung. Eine 15-minütige Ballspiel-Session im Park ist nicht das Ende der Auslastung, sondern der perfekte Anfang für eine anschließende, 10-minütige Lerneinheit. Dieser Synergie-Effekt ist die Basis des ganzheitlichen Ansatzes.

In der Ruhe liegt die Kraft: Wie „Calm-Work“ Ihrem Tier zu mehr Fokus und Körpergefühl verhilft

Ein ganzheitlicher Athlet zeichnet sich nicht nur durch seine Leistungsfähigkeit in aktiven Phasen aus, sondern auch durch seine Fähigkeit zur Regeneration. Im ständigen Streben nach Auslastung übersehen viele Halter den wichtigsten Gegenpol: die bewusste Entspannung. Ein überstimuliertes Nervensystem kann genauso zu Verhaltensproblemen führen wie Unterforderung. Hier kommt „Calm-Work“ ins Spiel – gezieltes Training, das dem Tier hilft, zur Ruhe zu kommen, seinen Körper bewusst wahrzunehmen und Stress abzubauen. Es ist die aktive Erholung, die den Trainingserfolg erst nachhaltig macht.

Elemente wie eine dedizierte Ruhedecke, sanfte Massagen oder das ruhige Kauen an einem Kauartikel sind keine bloße Pausen, sondern aktive Übungen zur Selbstregulation. Sie lehren das Tier, von einem hohen Erregungslevel selbstständig wieder „herunterzufahren“. Dies ist besonders für Tiere in einer reizintensiven städtischen Umgebung von unschätzbarem Wert. Das Respektieren des natürlichen Ruhebedürfnisses ist dabei fundamental. Eine Studie bestätigt, dass ein gesunder erwachsener Hund zwischen 12 bis 20 Stunden pro Tag ruht oder schläft. Permanente Bespaßung widerspricht dieser biologischen Notwendigkeit und führt zu chronischem Stress.

Dieses Bild illustriert perfekt das Ziel von „Calm-Work“: ein Zustand völliger Gelassenheit und Sicherheit in der eigenen Umgebung.

Hund liegt entspannt auf spezieller Ruhedecke in minimalistischer Wohnumgebung

Durch das bewusste Einplanen solcher Ruhephasen und -rituale stärken Sie nicht nur das Körpergefühl und die Fokussierungsfähigkeit Ihres Tieres, sondern schaffen auch eine tiefere Vertrauensbasis. Das Tier lernt, dass es sich bei Ihnen sicher und entspannt fühlen kann, was die Grundlage für jede weitere anspruchsvolle Aktivität bildet. Ein ausgeglichener Athlet braucht beides: die Fähigkeit zur Höchstleistung und die Kunst des Loslassens.

Die Schnüffel-Wanderung: Wie Sie körperliche und geistige Auslastung perfekt kombinieren

Wenn es eine Aktivität gibt, die den Synergie-Effekt von Körper und Geist perfekt verkörpert, dann ist es die Schnüffel-Wanderung. Während ein normales „Gassi-Gehen“ oft nur der körperlichen Bewegung und dem Lösen dient, ist eine strukturierte Schnüffel-Wanderung ein hochkomplexes Workout für das Gehirn Ihres Hundes. Der Geruchssinn ist sein primäres Sinnesorgan, über das er seine Umwelt analysiert, Informationen sammelt und quasi „Zeitung liest“. Das bewusste Erlauben und Fördern dieser natürlichen Verhaltensweise ist eine der effektivsten Formen der geistigen Auslastung.

Beim intensiven Schnüffeln analysiert der Hund Duftmarken anderer Artgenossen, identifiziert Spuren von Wildtieren und kartiert seine Umgebung olfaktorisch. Dieser Prozess ist kognitiv extrem anspruchsvoll und für die mentale Gesundheit des Hundes elementar. Im Gegensatz zum stupiden Laufen neben dem Fahrrad wird hier die Umgebung aktiv wahrgenommen und verarbeitet. Eine solche Wanderung kombiniert moderate, ausdauernde Bewegung mit hochkonzentrierter Denkarbeit. Das Ergebnis ist ein Tier, das nicht nur körperlich, sondern auch mental zufrieden und ausgeglichen ist.

Sie können diese natürliche Neigung gezielt zu einem spannenden Training ausbauen, indem Sie Elemente des „Geruchs-Geocachings“ einbauen. Dabei wird nicht einfach nur geschnüffelt, sondern gezielt nach einem vorher definierten Geruch gesucht. Dies fördert den Fokus, die Problemlösungsfähigkeit und die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihrem Tier.

Ihr Action-Plan: Geruchs-Geocaching für Fortgeschrittene

  1. Vorbereitung: Bereiten Sie eine spezifische Duftprobe vor, die Ihr Hund nicht aus dem Alltag kennt, z. B. einen Fenchelteebeutel oder ein kleines Lavendelsäckchen von dm oder Rossmann.
  2. Verstecken: Platzieren Sie die Duftprobe während der Wanderung außer Sichtweite Ihres Hundes, beispielsweise an einem Baumstumpf oder unter einem Blatt.
  3. Navigation: Führen Sie Ihren Hund mit einer Schleppleine in die ungefähre Richtung und lassen Sie ihn die Probe selbstständig mit seiner Nase finden. Geben Sie ein Startsignal wie „Such!“.
  4. Schwierigkeit steigern: Sobald das Prinzip verstanden ist, verstecken Sie multiple Duftproben auf verschiedenen Höhen (z. B. auf einem niedrigen Ast) oder in anspruchsvollerem Gelände.
  5. Belohnung: Verstärken Sie jede erfolgreiche Suche sofort mit einem hochwertigen Leckerli und überschwänglichem Lob, um die Motivation hochzuhalten.

Der Teufelskreis der Langeweile: Wenn fehlende geistige Stimulation zu Verhaltensproblemen führt

Ein Tier, das Tag für Tag nur körperlich bewegt, aber nie geistig gefordert wird, ist wie ein hochintelligenter Mensch, der zu monotoner Fließbandarbeit gezwungen wird: Es kommt unweigerlich zu Frustration, Langeweile und der Suche nach alternativen Ventilen. Viele Verhaltensprobleme, die Haltern das Leben schwer machen, sind in Wahrheit keine „Unarten“, sondern hausgemachte Symptome chronischer mentaler Unterforderung. Moderne Hunde, die ursprünglich für komplexe Aufgaben wie Hüten, Jagen oder Bewachen gezüchtet wurden, finden als reine Familienhunde oft kein adäquates Betätigungsfeld für ihre kognitiven Fähigkeiten.

Dieser Mangel an geistiger Stimulation führt zu einem Teufelskreis. Überschüssige mentale Energie muss irgendwohin. Wenn der Mensch kein Ventil anbietet, sucht sich das Tier sein eigenes. Dies manifestiert sich dann in unerwünschtem Verhalten. Der Border Collie, der anfängt, Kinder zu „hüten“, der Terrier, der Radfahrer jagt, oder der Labrador, der aus Frust die Wohnungseinrichtung zerstört – sie alle folgen einem inneren Antrieb, eine Aufgabe zu finden.

Fallbeispiel: Destruktives Verhalten durch Unterforderung

Ein häufiges Szenario, das Hundetrainer beobachten: Ein junger, energiegeladener Hund verbringt den Vormittag allein, während sein Halter arbeitet. Nachmittags folgt eine lange, schnelle Gassi-Runde, um ihn „müde zu machen“. Zurück zu Hause, anstatt zu schlafen, beginnt der Hund jedoch, Kissen zu zerfetzen oder an Möbeln zu nagen. Das ist kein Protest, sondern ein verzweifelter Versuch, die aufgestaute mentale Energie abzubauen und die Langeweile zu bekämpfen. Das Problem ist nicht zu viel Energie, sondern falsch kanalisierte Energie.

Das zerrissene Spielzeug auf dem Boden ist oft mehr als nur ein Zeichen von Spieltrieb – es kann ein stummer Schrei nach einer sinnvollen Aufgabe sein.

Nahaufnahme eines zerrissenen Hundespielzeugs mit verschwommenem Hund im Hintergrund

Die Lösung liegt nicht darin, das Verhalten zu bestrafen, sondern die Ursache zu beheben: dem Gehirn des Tieres eine Aufgabe zu geben. Regelmäßige, kurze Einheiten an Kopfarbeit, eingebettet in den Alltag, können diesen Teufelskreis effektiv durchbrechen und zu einem ausgeglichenen, zufriedenen Partner führen.

Raus aus der Routine: Warum Abwechslung der Schlüssel zu einer dauerhaft guten Auslastung ist

Selbst das beste Trainingsprogramm verliert seine Wirkung, wenn es zur monotonen Routine wird. Das Gehirn eines Tieres – genau wie das eines Menschen – braucht neue Reize, um wach und anpassungsfähig zu bleiben. Jeden Tag die gleiche Runde im Park zu drehen oder immer dasselbe Intelligenzspielzeug anzubieten, führt zu Abstumpfung und erneuter Unterforderung. Der Schlüssel zu einer dauerhaft erfolgreichen und artgerechten Auslastung liegt daher in der geplanten Abwechslung. Ein gut strukturierter Wochenplan sorgt dafür, dass verschiedene Fähigkeiten und Sinne abwechselnd angesprochen werden.

An einem Tag liegt der Fokus auf der Nasenarbeit, am nächsten auf dem Lösen eines Problems, gefolgt von einem Tag mit schnellen Bewegungen und sozialer Interaktion. Diese Variation hält nicht nur die Motivation hoch, sondern fördert auch die geistige Flexibilität Ihres Tieres. Es lernt, sich auf unterschiedliche Situationen einzustellen, was sein Selbstbewusstsein und seine Resilienz im Alltag enorm stärkt. Die Kunst besteht darin, eine Balance zu finden, wie auch Hundetrainerin Friederike im InPetto Magazin betont:

Die Auslastung solltest du nicht jeden Tag komplett durchziehen, aber auf Dauer könnte nur spazieren gehen für den Hund nicht reichen.

– Friederike, Hundetrainerin, InPetto Magazin

Ein Wochenplan kann dabei helfen, die verschiedenen Aspekte der Auslastung – Schnüffeln, Denken, Rennen, Sozialkontakt und Training – systematisch zu integrieren. Ein solches Vorgehen stellt sicher, dass keine Facette zu kurz kommt. Die folgende Tabelle, deren Daten auf einer Analyse von petsdeli.de basieren, bietet ein Beispiel, wie ein solcher Plan aussehen könnte, angepasst an städtische und ländliche Gegebenheiten.

Wochenplan für artgerechte Auslastung
Wochentag Aktivitätstyp Stadt-Variante Land-Variante
Montag Schnüffeln Schnüffelteppich Indoor Fährtensuche im Garten
Dienstag Denken Intelligenzspielzeug Versteckspiele draußen
Mittwoch Rennen Hundewiese im Park Wanderung im Wald
Donnerstag Sozialkontakt Hundeschule-Gruppe Treffen mit Hundekumpels
Freitag Training Tricks in der Wohnung Agility im Garten
Wochenende Abenteuer Ausflug zum Hundesee Wanderung im Harz

Müde Knochen, wacher Geist: Warum Spaziergänge allein Ihren Hund nicht glücklich machen

Der weitverbreitete Glaube, ein langer Spaziergang oder eine Runde Laufen am Fahrrad reiche aus, um einen Hund auszulasten, ist einer der größten Mythen in der Tierhaltung. Körperliche Ermüdung ist nicht gleichzusetzen mit mentaler Erfüllung. Ein Hund, der nur körperlich „abgearbeitet“ wird, kann trotz müder Muskeln innerlich frustriert und unterstimuliert sein. Es ist die Qualität der Beschäftigung, nicht die reine Quantität der Bewegung, die zu einem ausgeglichenen Tier führt.

Die geistige Anstrengung ist oft intensiver als die körperliche. Experten bestätigen, dass beispielsweise 10 Minuten konzentriertes Mantrailing (Personensuche) für einen Hund so anstrengend sein können wie ein einstündiger Spaziergang. Warum? Weil bei der Nasenarbeit höchste Konzentration, Problemlösungskompetenz und die Verarbeitung komplexer Sinnesreize gefordert sind. Reine, monotone Bewegung fordert das Gehirn hingegen kaum. Ein Spaziergang kann jedoch leicht von einer rein physischen zu einer ganzheitlichen Aktivität aufgewertet werden, indem man gezielt mentale Elemente einbaut.

Stellen Sie sich den täglichen Spaziergang nicht mehr als Pflichtübung vor, sondern als eine Abenteuer-Expedition im Mini-Format. Jeder Baumstamm kann zur Balance-Übung werden, jede Parkbank zum Ort für ein kurzes Gehorsamstraining. Indem Sie die Routine durchbrechen und kleine Herausforderungen einstreuen, verwandeln Sie den Spaziergang in eine wertvolle Trainingseinheit für Körper und Geist. Die folgenden Punkte können als Inspiration dienen:

  • Erlauben Sie fünf Minuten freies Schnüffeln an einer für den Hund besonders interessanten Stelle.
  • Üben Sie das Balancieren auf einem umgefallenen Baumstamm oder einer niedrigen Mauer.
  • Fragen Sie einen bereits bekannten Befehl (z.B. „Sitz“) an einem neuen, ablenkungsreichen Ort ab.
  • Bauen Sie kleine Suchspiele ein, indem Sie ein Leckerli im Laub oder Gras verstecken.
  • Planen Sie kurze Pausen für positive soziale Interaktionen mit bekannten, verträglichen Hunden ein.
  • Erkunden Sie bewusst neue Wege und Umgebungen, anstatt immer dieselbe Route zu nehmen.

Agility für Alle: Wie Sie einen sicheren und spaßigen Hindernisparcours im eigenen Garten aufbauen

Agility ist mehr als nur ein Hundesport für Profis. Es ist eine fantastische Möglichkeit, körperliche und geistige Auslastung auf spielerische Weise zu verbinden. Beim Agility muss das Tier nicht nur rennen, springen und klettern, sondern auch auf die Anweisungen seines Menschen achten, die Reihenfolge der Hindernisse antizipieren und seinen Körper präzise koordinieren. Es ist ein echtes Body-Brain-Workout, das die Kommunikation, das Selbstvertrauen und die Bindung zwischen Mensch und Tier stärkt. Und das Beste: Sie benötigen keine teure Profi-Ausrüstung, um damit anzufangen.

Mit einfachen Materialien aus dem Baumarkt (wie OBI oder Bauhaus) oder sogar mit Alltagsgegenständen lässt sich im eigenen Garten oder sogar in der Wohnung ein sicherer und spaßiger Parcours für Anfänger gestalten. Wichtig ist dabei, die Sicherheit an erste Stelle zu setzen: Die Sprunghöhen sollten an die Größe und das Alter des Tieres angepasst sein, der Untergrund rutschfest und die Hindernisse stabil. Beginnen Sie mit einfachen Übungen und steigern Sie die Komplexität langsam, um Frustration zu vermeiden und die Freude an der gemeinsamen Aktivität zu erhalten.

Hundephysiotherapeuten bestätigen, dass gezielte Fitnessübungen Körper und Geist gleichzeitig fordern und damit eine besonders effiziente Form der Auslastung darstellen. Ein solcher DIY-Parcours ist die perfekte Umsetzung dieses Prinzips. Hier sind einige Ideen für den Einstieg:

  • Slalomstangen: Einfache KG-Rohre oder dünne Holzstäbe im Abstand von ca. 50 cm in den Rasen stecken.
  • Sprünge: Zwei Blumenkübel oder Getränkekisten mit einem Besenstiel als Querstange eignen sich hervorragend als Hürde.
  • Tunnel: Ein Kinder-Spieltunnel aus dem Spielwarengeschäft oder ein großer, offener Pappkarton laden zum Durchkriechen ein.
  • Balance-Balken: Ein breites, stabiles Holzbrett, das auf zwei niedrigen, flachen Ziegelsteinen liegt, wird zur Wippe oder zum Balance-Steg.
  • Reifen: Ein Hula-Hoop-Reifen kann zwischen zwei Stühlen befestigt werden, um einen Sprungring zu simulieren.
  • Wohnungs-Alternative: Ein Parcours aus Kissen, Decken und Hockern kann in der Wohnung zum Training von Koordination und Körpergefühl genutzt werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Synergie statt Addition: Körperliche Bewegung bereitet das Gehirn optimal auf mentales Training vor (BDNF-Ausschüttung).
  • Qualität vor Quantität: Kurze, intensive geistige Arbeit (z.B. 10 Min. Nasenarbeit) kann anstrengender und erfüllender sein als ein langer, monotoner Spaziergang.
  • Balance ist alles: Gezielte Ruhephasen („Calm-Work“) sind genauso wichtig für einen ausgeglichenen Athleten wie die aktiven Phasen.

Das Flow-Prinzip für Ihr Tier: So finden Sie die perfekte Balance zwischen Action und Entspannung

Das ultimative Ziel des ganzheitlichen Ansatzes ist es, Ihr Tier in den sogenannten Flow-Zustand zu bringen. Dieser aus der menschlichen Psychologie stammende Begriff beschreibt einen Zustand des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit. Im Flow sind Herausforderung und Fähigkeit perfekt ausbalanciert. Das Tier ist hochkonzentriert, aber nicht überfordert; es ist engagiert, aber nicht gestresst. Man erkennt diesen Zustand an einer fokussierten, aber weichen Körperhaltung, aufmerksamen Ohren und einer sichtbaren Freude an der Aufgabe. Es ist der Zustand optimaler Leistungsfähigkeit und maximalen Wohlbefindens.

Dieser Zustand lässt sich nicht erzwingen, aber man kann die idealen Bedingungen dafür schaffen. Der Schlüssel liegt in der perfekten Dosierung der Herausforderung. Wie die folgende Flow-Matrix, basierend auf Daten von einer Analyse von edogs.de, veranschaulicht, entsteht Flow, wenn die Schwierigkeit einer Aufgabe dem Fähigkeitslevel des Tieres entspricht. Eine zu leichte Aufgabe führt zu Langeweile und Unterforderung, eine zu schwere zu Frustration und Stress. Nur in der Mitte liegt der produktive und glücklich machende Flow-Bereich.

Flow-Matrix für Haustiere
Fähigkeitslevel Niedrige Schwierigkeit Mittlere Schwierigkeit Hohe Schwierigkeit
Anfänger Langeweile Flow-Zustand Frustration
Fortgeschritten Unterforderung Flow-Zustand Herausforderung
Experte Routine Kontrolle Flow-Zustand

Ihre Aufgabe als „Coach“ ist es, Ihr Tier genau zu beobachten und die Aktivitäten so anzupassen, dass es sich möglichst oft in diesem Korridor bewegt. Ein ausgiebiger Spaziergang, der Schnüffelpausen, eine kurze, anspruchsvolle Trainingseinheit und vielleicht einen positiven Sozialkontakt kombiniert, ist ein perfektes Beispiel für eine Aktivität, die den Flow-Zustand fördern kann. Es geht darum, ein feines Gespür für die Bedürfnisse und Grenzen Ihres Tieres zu entwickeln und das Training dynamisch anzupassen. Der ganzheitliche Athlet ist kein Roboter, der ein Programm abspult, sondern ein Lebewesen, das in Harmonie mit sich und seiner Umwelt agiert.

Beginnen Sie noch heute damit, diese Prinzipien in Ihren Alltag zu integrieren. Betrachten Sie jede Interaktion als Chance, die Balance zwischen Körper und Geist zu fördern. So entfesseln Sie nicht nur das volle Potenzial Ihres vierbeinigen Athleten, sondern bauen eine tiefere, verständnisvollere und erfüllendere Beziehung zu ihm auf.

Geschrieben von Tom Schröder, Tom Schröder arbeitet seit über 15 Jahren als Spezialist für Tierverhalten und ist ein anerkannter Experte für die Themen artübergreifende Kommunikation und die Lösung von Verhaltensauffälligkeiten. Seine Arbeit konzentriert sich auf die tieferen Ursachen tierischen Handelns und die menschliche Verantwortung in der Beziehung zum Tier.